Oskar Maria Graf
Geboren: 22.07.1894 | Beruf: Schriftsteller
Oskar Maria Graf
Provinzschriftsteller. Spezialität: Ländliche Sachen. Zu lesen war das auf seinen Visitenkarten und man kann davon ausgehen, dass es ebenso wenig ernst wie unernst gemeint war. Dem Schriftsteller Graf, ging es in seinen Texten nicht so sehr um die fein geschliffene Sprache, sondern um die genaue Beobachtung der Gesellschaft und des Lebens in ihr.
So waren sich auch die Kritiker bei der Beurteilung seines Werkes lange nicht einig, mit was sie es da eigentlich zu tun hatten. Einigen von ihnen war er schlichtweg zu derb und „unschöngeistig“. Sie kritisierten seinen einfachen Sprachstil und taten das ganze als minderwertige Literatur auf dem Niveau von Groschenromanen ab . Andere Kritiker hingegen sahen gerade in seiner einfachen, prägnanten Sprache und der Derbheit mit der er seine Zeitgenossen beschrieb, das Authentische und Glaubhafte.
Seine ersten Lebensjahre verbrachte der junge Oskar in Berg bei Starnberg, wo er als das neunte von insgesamt elf Kindern des Ehepaars Max und Therese Graf zur Welt kam. Sein Vater war Bäcker und seine Mutter die Tochter eines hiesigen Bauern. Neben der Schule mussten die Kinder, sobald sie etwas älter waren, auch noch in der Backstube den Eltern bei der Arbeit helfen, wobei die Eltern versuchten die anfallenden Arbeiten gerecht auf die Geschwister aufzuteilen und ihnen nicht zu viel abzuverlangen.
Nach dem frühen Tod des Vaters, Oskar war gerade 12 Jahre alt, übernahm der älteste Bruder Max Ruder im Betrieb. Dieser regierte mit eiserner Faust und Prügeln die Backstube und wehe dem, der sich nicht seinen Kommandos fügte. Graf schrieb später einmal, dass ihm der Sozialismus von Kind an eingeprügelt wurde, wobei er auf eben diese Zeit unter der Regie seines Bruders anspielte.
Oskar Maria verbrachte viele Stunden seiner Freizeit damit, Tolstoi zu lesen und wurde von dessen Einstellungen stark beeinflusst. Pazifismus, Anarchismus und soziale Gerechtigkeit waren seine frühen Wegbegleiter und zumindest den Gerechtigkeitssinn hatte man ihm schon im Elternhaus beigebracht.
Nach dem Besuch der Dorfschule in Aufkirchen arbeitet er als Bäckergeselle und beschließt mit 17 Jahren vor seinem schickanösen Bruder zu flüchten. Er geht nach München mit dem kühnen Entschluss Schriftsteller zu werden. Schreiben konnte er anfangs allerdings nur wenig, denn das Leben in der Großstadt war auch damals schon teuer und die gebratenen Gänse flogen einem keineswegs direkt in den Mund. Also musste er sich erst mal mit Hilfsarbeiten seinen Lebensunterhalt verdienen, ein Schicksal das auch heute noch viele Schriftsteller und Filmstars mit ihm teilen...
Eine Anekdote aus den Anfangszeiten in der Stadt erzählt, dass Graf, als er sich auf dem Weg zum Anarchistentreffen, welche damals streng verboten waren, nicht mehr auskannte, wie es sich für einen ehrlichen Bürger gehört einfach einen Schandi nach dem Weg fragte. Nicht gerade clever würden einige sagen und sie hätten ziemlich recht.
Oskar wurde unter Arrest gestellt. Man stufte ihn aber als harmlos ein und er kam kurz nach seiner Arretierung wieder frei. Daraufhin war er dann doch etwas vorsichtiger und er lernte schnell wie und wo er in dieser Stadt etwas erreichen konnte.
So machte sich der angehende Schriftsteller in den Münchner Bohemekreisen sehr schnell viele Freunde, weil er es wie kein Zweiter verstand, rauschende Feste mit dem Geld anderer Leute zu Organisieren. Sozusagen als Eventmanager verschaffte er den Reichen Münchnern Zugang zur Künstler und Intellektuellen Szene, während diese wiederum für ihre Anwesenheit kostenloses Partyvergnügen erhielten. Als Partyclown und tolpatschiges Landei auf den Festen der Schickeria gerne gesehen, kam Graf nun auch an bessere Jobs heran und konnte Buchbesprechungen in Münchner Zeitungen veröffentlichen. Tja Beziehungen schaden nur dem der sie nicht hat...
Dass er sich dabei offensichtlicher Weise nicht allzu viel Mühe gemacht hat, die Buchrezensionen glichen in frappierender Weise den Verlagspressemitteilungen, machte den verantwortlichen Redakteuren anscheinend nichts aus.
Als der Krieg ausbrach wurde Graf am 1.12. 1914 eingezogen und an die Front geschickt. Von den dortigen Geschehnissen zutiefst schockiert trat Graf in den Hungerstreik, um dem Krieg und den Gräuel der Front zu entkommen. Als er schließlich geschwächt unter die Obhut von Ärzten gestellt wurde, diagnostizierte man bei ihm Geistesgestörtheit und verlegte ihn in die Nervenheilanstalt Görden, von wo aus man ihn weiter nach Haar schickte. Aus der Armee entlassen stand für ihn, den erklärten Pazifisten fest, dass es nie wieder Krieg geben dürfe und der jetzige so schnell wie möglich zu beenden sei.
1917, nach dem Anstaltsintermezzo, heiratet er am 26 Juni Karoline Bretting. Graf hält sich in dieser Zeit mit Gelegenheitsjobs mehr oder weniger gut über Wasser. 1918 kommt seine Tochter Annemarie zur Welt. In München trifft er auf Eisners Bewegung, an dessen Seite er für die Räterepublik kämpft und an der Revolution teilnimmt. Beeinflusst von den Geschehnissen dabei arbeitet er an seinem Gedichtband „Die Revolutionäre“.
Er reist extra nach Berlin, um zu sehen wie Karl Liebknecht am 9. November die Räterepublik in Deutschland ausruft. Seine Gesinnung und seine Sympathien mit den Revolutionären bringen ihn nach dem Scheitern der Räterepublik vorübergehend ins Gefängnis. Von der Politik enttäuscht und davon auch nicht mehr Überzeugt gründet er den „Bund freier Menschen“ in dessen Satzung er Pazifismus und Anarchie fordert. Die darauf folgende Haft, wird durch die Fürsprache keines geringeren als Rainer Maria Rilke beendet der sich an oberster Stelle für ihn einsetzt.
Im Arbeitertheater „Die neue Bühne“ findet er 1920 eine Stellung als Dramaturg und parallel dazu arbeitet er weiterhin als Schriftsteller. Seinen ersten literarische Triumph feierte er 1927 mit dem Buch „Wir sind Gefangene“.
Als entschiedener Pazifist waren ihm die braunen Horden in seiner Heimat sicherlich alles andere als sympathisch und er steht ihnen mehr als skeptisch gegenüber. Man erzählte sich, dass Graf einmal Anfang der zwanziger Jahre von Hitler für seine Sache angeworben werden sollte. Das einzige was jedoch für den VerFührer dabei herausgekommen ist, war dass Hitler a) stocksauer war und b) die Zeche des Abends zahlen musste. Solchermaßen respektlos war auch seine Reaktion, als er auf einer Lesereise durch Österreich erfuhr, dass ausgerechnet seine Bücher nicht dem nationalsozialistischen Verbrennungswahn zum Opfer fallen sollten. Bis auf sein Buch „Wir sind Gefangene“, das zensiert wurde stand er auf der so genannten weißen Liste der systemkonformen Bücher.
Zutiefst entsetzt von der Dummheit seiner Mitbürger forderte er schließlich in der Wiener Arbeiterzeitung, daß seine Bücher „der reinen Flamme überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen“.
„Verbrennt mich“ forderte er von den hirnlosen Massen.
War man ihm vorher zwar nicht unbedingt vorbehaltlos gut gesinnt gewesen, der ein oder andere Zwischenfall der Vergangenheit warf ein nicht unbedingt ungetrübtes Licht auf seinen Leumund, so waren die Buchverbrenner nach dieser Respektlosigkeit endgültig Feuer und Flamme.
Seine Bücher schmiss man neben die glühenden Reste von Mann, Feuchtwanger und den anderen „entarteten“, um das Volk vor ihren zersetzerischen Gedanken zu bewahren. Mahlzeit.
Von da an auf der Flucht, ging er nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands in Wien, nach Brünn in der Tschechoslowakei. Von dort aus bereiste er die Sowjetunion und knüpfte Kontakte die ihm noch einige Schwierigkeiten in seiner späteren Heimat einbringen sollten.
Nach dem „Anschluss 1938“, Österreich erhält Rechtsverkehr, und angesichts der herannahenden Katastrophe, floh er über Holland in die Vereinigten Staaten. Das Apartment im sechsten Stock der Hillside Avenue 34 und das Heidelberg (http://www.heidelbergrestaurant.com/) sollten seine neue Heimat in New York werden.
Oskar Maria Graf blieb trotz Flucht und Verfolgung seinen bayrischen Wurzeln immer treu. Er legte weder seinen Dialekt noch seine Lederhose in der amerikanischen Metropole ab. 1944 heiratet er nach der einseitigen Scheidung von seiner ersten Frau Mirjam Sachs.
Nach Kriegsende ereilt ihn das selbe Schicksal wie viele seiner Kollegen, die zwar gerne die alte Heimat besuchen würden, aber Angst haben mussten nicht mehr in die Staaten gelassen zu werden. Erst 1958 kam er in seine Heimat nach München zurück. Was ihn dort erwartete beurteilte er mit gemischten Gefühlen. Zum einen enttäuschte ihn die Engstirnigkeit und Provinzialität seiner Landsmänner, zum Beispiel kommt es Während einer Lesung im Cuvilliestheater zu einem Eklat, weil Graf seinen Auftritt in Lederhosen absolviert, was einige der Anwesenden zutiefst empört und zum anderen sah er kritisch auf die schnelle Rehabilitierung und die Karrieren einiger ehemaliger Regimebefürworter.
Ermöglicht wurde ihm dieser Besuch nachdem ihm die Amerikaner endlich nach 20 Jahren die Staatsbürgerschaft gegeben hatten obwohl er sich weigerte die USA mit Waffengewalt zu verteidigen. Am 11 November 1959 stirbt seine Frau Mirjam die er bis zum Schluss aufopferungsvoll pflegt. An der Wayne state University wird ihm 1960 die Ehrendoktorwürde zugesprochen und er reist noch im selben Jahr nach Deutschland.
1962 heiratet er Dr. Gisela Bauer mit der er bis zu seinem Tod zusammen bleibt. Zwei Jahre später werden zu seinem 70. Geburtstag Ehrenbankette in München und Berg abgehalten und Graf ist zum dritten Mal seit Kriegsende in Deutschland.
Als die USA mit der massiven Aufrüstung beginnen und sich eine Ausweitung des Vietnamkonflikts abzeichnet, ist Graf von seinen neuen Landsleuten schockiert und schreibt einen offenen Brief an Papst Paul VI in dem er die Geschehnisse anprangert.
Am 28 Juni 1967 stirbt der überdenkende und Pazifist Oskar Maria Graf im Mount Sinai Hospital in New York. Genau ein Jahr später kehrte seine Urne in die Heimat zurück und wurde auf dem Friedhof in München-Bogenhausen beigesetzt.